Die Versorgung mit medizinischem Cannabis steht vor einem Umbruch. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will künftig strengere Regeln für den Zugang durch die Onlineverschreibung von Cannabis schaffen. Geplant ist, dass Cannabis-Rezepte nur noch nach einem persönlichen Arztbesuch ausgestellt werden dürfen. Gleichzeitig soll der Postversand für Cannabisblüten gestoppt werden. Für viele Patient:innen und Anbieter würde das einen großen Rückschritt bedeuten. Besonders im Fokus: Plattformen, deren Geschäftsmodell auf Telemedizin basiert und die dem Ruf von diesem Modell eher geschadet haben.
Onlineverschreibung von Cannabis: Was sich ändern soll
Seit der teilweisen Legalisierung von Medizinalcannabis 2024 haben sich digitale Plattformen etabliert, die Rezepte per Videosprechstunde ausstellen und anschließend die Medizin per Post zu verschicken. Doch das soll sich jetzt ändern: Laut dem geplanten Gesetzesentwurf soll die reine Onlineverschreibung von Cannabis künftig unzulässig sein. Auch ein Versandverbot ist Teil der Neuregelung.
Gesundheitsministerin Warken kritisiert, dass über digitale Plattformen häufig Rezepte ausgestellt würden, ohne dass eine fundierte ärztliche Prüfung stattfindet – nämlich per Fragebogen. Die stark gestiegenen Importzahlen bei gleichzeitig moderatem Anstieg der Kassenrezepte legen laut Ministerium nahe, dass in diesem Fall Cannabis oft nicht medizinisch, sondern zum Freizeitgebrauch eingesetzt wird.
Ärztekammer begrüßt Einschränkungen: mehr Kontrolle, weniger Missbrauch
Die Bundesärztekammer und die Ärztekammer Nordrhein unterstützen die Neuregelung. Für sie gehört zur verantwortungsvollen Verordnung ein persönlicher Kontakt mit dem Patienten – gerade bei einem Medikament mit psychoaktiven Wirkstoffen wie Cannabis.
Dr. Klaus Reinhardt (BÄK) fordert sogar, Cannabis wieder unter das Betäubungsmittelgesetz zu stellen. Nur so könne man Missbrauch verhindern und gleichzeitig die Therapiesicherheit erhöhen. Plattformen, die Rezepte per Klick und nur durch die Nutzung eines Fragebogens ausstellen, unterlaufen laut Ärztekammern die ärztliche Prüfungspflicht und gefährden die Integrität der medizinischen Versorgung.
Kritik aus der Branche: Rückfall in alte Muster?
Kaum etabliert, droht vielen Telemedizin Anbietern mit der Reform der Rückschritt. Stefan Fritsch von der Grünhorn Gruppe betont, dass die digitale Onlineverschreibung von Cannabis seit 2024 vielen Patient:innen geholfen habe – besonders jenen mit eingeschränkter Mobilität, in ländlichen Regionen oder mit chronischen Beschwerden. Für ihn ist die steigende Nachfrage kein Hinweis auf Missbrauch, sondern auf einen bisher ungedeckten Behandlungsbedarf.
Finn Hänsel von der Sanity Group warnt vor einer Rückkehr zum Schwarzmarkt. Ohne digitale Rezepte und Versand würden Patient:innen in die Selbsttherapie gedrängt – ohne ärztliche Begleitung, ohne Qualitätskontrollen. Auch er erkennt aber an, dass es Anbieter gab, die den Rahmen zu sehr ausgedehnt haben.
Ähnlich äußert sich Niklas Kouparanis von Bloomwell. Für ihn ist das geplante Versandverbot unverständlich – besonders, weil es in der Realität bedeute, dass Patient:innen durch halb Deutschland reisen müssten, um ihre verschriebene Sorte zu bekommen. Er sieht darin eine Gefährdung der Versorgungssicherheit und warnt vor einem gesundheitspolitischen Rückschritt.
Wie manche Anbieter der Telemedizin schaden
Ein zentraler Kritikpunkt in der aktuellen Debatte ist die Rolle von Plattformen, wie beispielsweise Dr. Ansay. Aggressive Werbung trotz Werbeverbot, schnelle Rezeptvergabe mittels Fragebogen und schließlich ein Datenskandal, bei dem sensible Informationen von Patient:innen an die Öffentlichkeit gelangten.
Dieser Vorfall hat nicht nur der Plattform selbst geschadet, sondern auch das Vertrauen in die Telemedizin insgesamt beschädigt. Mit diesen Entwicklungen wurde der politische Druck auf alle Anbieter erhöht.
Fazit: Telemedizin retten, nicht vernichten
Die Diskussion rund um die Onlineverschreibung von Cannabis zeigt, wie wichtig ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zugang, Kontrolle und Patientensicherheit ist. Dass es Missbrauch gibt, kann kaum geleugnet werden – doch wenn das digitale Modell abgeschafft wird, trifft das vor allem die, die wirklich auf dieses angewiesen sind. Dass das Ausstellen eines Rezepts nur durch einen Fragebogen, nicht der medizinisch korrekte Weg ist, kann man wohl einsehen und akzeptieren. Zumindest beim ersten Rezept, sollte auch ein Arztgespräch stattfinden. Doch das würde sich regeln lassen, sodass die Telemedizin bestehen bleiben kann und vor allem der Versandhandel nicht abgeschafft wird. So wird es Patient:innen, die auf ihre Medizin angewiesen sind, wieder extrem erschwert, an diese heran zu kommen.
Des Weiteren müssen nun endlich legale Bezugswege in Deutschland geschaffen werden, dann hat sich diese Debatte wahrscheinlich mehr oder weniger erledigt.
Telemedizin kann ein effektiver Baustein moderner Patientenversorgung sein – wenn sie verantwortungsvoll betrieben wird. Statt sie pauschal einzuschränken, sollte der Gesetzgeber klare Leitlinien und Kontrollmechanismen schaffen. So kann die Versorgung sicher, transparent und fair bleiben – für alle.
