Kaum ein Gesetz hat in Deutschland so viele Schlagzeilen und hitzige Debatten ausgelöst wie die Teillegalisierung von Cannabis im April 2024. Während die Bundesregierung den Cannabiskonsum in Deutschland endlich aus der Illegalität holte, zumindest zum Teilen, halten etliche Bundesländer, Polizeigewerkschaften und konservative Parteien bis heute dagegen. Streit um Genehmigungen für Anbauvereinigungen, Diskussionen über THC-Grenzwerte oder ständige Forderungen nach Rückschritten zeigen: Die Politik ringt – teils wider besseres Wissen – um Kontrolle und spricht sich gegen das einzig vernünftige aus- eine vollständige Legalisierung von Cannabis.
Doch während in Parlamentsausschüssen noch diskutiert wird, liefert die Suchtforschung längst klare Fakten: Die kontrollierte Freigabe wirkt. Genau das belegt eine aktuelle Folge des Deutschlandfunk-Kultur-Podcasts Studio 9, in der die Moderatorin mit Bernd Werse, Soziologe und Leiter des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences, Bilanz zieht. Die Folge ist in den Quellen verlinkt.
Cannabiskonsum in Deutschland: Kernergebnisse der Suchtforschung

Die wichtigsten Zahlen und Fakten aus dem Gespräch im Überblick:
- Jugendliche konsumieren so wenig wie seit über 20 Jahren nicht
- Schulbefragungen aus Frankfurt und Hamburg zeigen einen anhaltenden Rückgang. Für weitere Informationen speziell zu diesem Thema, lies dir gerne diese Schlagzeile durch: Cannabiskonsum bei Jugendlichen erreicht historischen Tiefstand.
- Der Trend gilt nicht nur für Cannabis, sondern auch für Alkohol, Tabak und andere Drogen.
Erwachsene konsumieren stabil – aber anders verteilt
- Keine Konsum Zunahme bei jungen Erwachsenen.
- Mehr Konsum in mittleren Altersgruppen: Cannabis ist keine „Jugenddroge“.
Eigenanbau boomt
- Rund 49 % der regelmäßig Konsumierenden versorgen sich hauptsächlich über eigenen Anbau.
- Erlaubt ist es, drei Pflanzen zuhause unter bestimmten Bedingungen und Sicherheitsvorkehrungen anzubauen. Diese Gesetzesänderung wird in Deutschland gut angenommen und sorgt für die Verdrängung des Schwarzmarktes.
Apotheken als zweite legale Quelle
- Knapp 30 % kaufen Cannabis über Apotheken, erleichtert durch den Ausbau der medizinischen Versorgung und der Nutzung von Telemedizin.
Der Schwarzmarkt verliert deutlich an Bedeutung
- Nur noch etwa 20 % beziehen hauptsächlich illegal.
- Viele kombinieren mehrere legale Quellen, was den illegalen Handel weiter schwächt.
Anbauvereinigungen sind bisher leider kaum relevant
- Nur rund 2 % der Konsumierenden beziehen ihr Cannabis hauptsächlich über Cannabis-Clubs. Das liegt nicht an fehlendem Interesse, sondern an den hohen Hürden bei der Gründung solcher Anbauvereine. Die gesetzlichen Auflagen und der Genehmigungsprozess sind komplex und aufwendig, und viele Behörden sind unsicher im Umgang mit den neuen Regelungen und/oder blockieren die Verfahren.
Diese Zahlen zeigen klar: Der Cannabiskonsum in Deutschland verlagert sich von illegalen zu legalen und kontrollierten Strukturen. Genau das war eines der Ziele der Reform.
Warum Jugendliche weniger kiffen
Werse betont, dass der Rückgang bei Jugendlichen nicht nur mit der Legalisierung zusammenhängt. Vielmehr konsumieren junge Menschen insgesamt weniger psychoaktive Substanzen. Gründe:
- gestiegenes Gesundheitsbewusstsein
- weniger Reiz des „Verbotenen“
- Social Media als alternative Freizeitgestaltung
- Und ganz zentral sind Aufklärung und Prävention. Jugendliche gelangen heute viel schneller an Informationen, die zwar geprüft und gefiltert werden müssen, ihnen aber dennoch einen deutlich leichteren Zugang zu verlässlichem Wissen ermöglichen.
Das ist eine positive Entwicklung, die auch andere Drogen betrifft. Cannabis wird damit für Jugendliche schlicht weniger attraktiv. Das bedeutet, dass eine (Teil)Legalisierung nicht automatisch zu mehr Jugendkonsum führt.
Verschiebung bei Erwachsenen
Bei Erwachsenen bleibt der Konsum stabil, verlagert sich aber: Immer mehr Menschen mittleren Alters entdecken Cannabis für sich. Das zeigt, dass sich das Bild der „typischen“ Konsument:innen ändert. Cannabis ist längst nicht mehr nur ein Jugendthema, sondern Teil einer breiteren Gesellschaft.
Gesetzliche Details und politische Stolpersteine
Trotz des Erfolgs gibt es laut Werse Nachbesserungsbedarf. Doch genau hier blockieren manche Bundesländer besonders gern:
- Lagergrenze von 50 Gramm:
Wer aus drei legalen Pflanzen 80 Gramm erntet, überschreitet schnell das Limit. - Langsame Genehmigung von Clubs:
Mehr Anbauvereinigungen könnten den legalen Markt stärken und Apotheken entlasten.
Werse empfiehlt, diese Punkte zu justieren, statt die Regeln – wie von manchen Politiker:innen gefordert – wieder zu verschärfen.
Legalisierung als wirksamste Strategie
Alle vorliegenden Daten zeigen deutlich, dass die kontrollierte Freigabe wirkt. Der Cannabiskonsum unter Jugendlichen sinkt, Erwachsene nutzen immer häufiger legale Bezugsquellen und der Schwarzmarkt verliert an Wichtigkeit und Stärke. Die aktuelle Suchtforschung bestätigt damit, dass ein regulierter, legaler Markt nicht nur mehr Sicherheit schafft, sondern auch das wirksamste Mittel ist, um illegale Strukturen dauerhaft einzudämmen. Der nächste Schritt wären legale Bezugsquellen über lizenzierte Fachgeschäfte, mit erfahrenen und geschulten Berater:innen und einem ausgebauten Jugendschutzkonzept.
Fazit: Mehr Mut, weniger Blockade
Die ersten eineinhalb Jahre zeigen deutlich: Cannabiskonsum in Deutschland lässt sich durch klare Regeln und legale Wege nicht nur kontrollieren, sondern sogar sicherer gestalten. Was jetzt noch fehlt, ist politischer Mut: statt Rückschritte zu diskutieren, sollten Bund und Länder Genehmigungen beschleunigen, Lagergrenzen praxistauglich anpassen und den Ausbau der Cannabis-Clubs fördern.
Die Fakten sind da, und sie sprechen für eine moderne, evidenzbasierte Drogenpolitik.
Deutschland hat den ersten Schritt gemacht. Jetzt gilt es, den nächsten klug zu setzen.
