Keyfacts zu Cannabis bei chronischen Rückenschmerzen
- Eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie liefert aufschlussreiche Ergebnisse zur Behandlung von bereits chronisch gewordenen Rückenschmerzen in Verbindung mit Medizinalcannabis
- Dabei wurden 241 Patient:innen mit therapieresistenten chronischen Rückenschmerzen über fünf Jahre lang begleitet.
- Mit der Behandlung, die auf Medizinalcannabis basierte, verbesserten sich Schmerzen, körperliche Funktion und auch die Lebensqualität deutlich.
- Ein weiteres positives Ergebnis zeigt sich durch die im Studienverlauf reduzierte Einnahme von klassischen Schmerzmitteln, wie beispielsweise Opioiden.
- Die Studie liefert wertvolle Langzeitdaten, kann aufgrund ihres Studiendesigns jedoch keine Ursache-Wirkungs-Beziehung nachweisen.
Chronische Rückenschmerzen gehören weltweit zu den häufigsten Ursachen für dauerhafte Schmerzen und Einschränkungen im Alltag. Viele Betroffene haben bereits zahlreiche Behandlungen hinter sich, von Physiotherapie über entzündungshemmende Medikamente bis hin zu starken Opioiden. Doch nicht jede Therapie führt langfristig zum Erfolg. (1) Ob Medizinalcannabis eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung sein kann, wird seit Jahren wissenschaftlich untersucht. Während bereits mehrere Studien positive Effekte bei chronischen Schmerzen zeigen konnten, fehlten bislang vor allem aussagekräftige Langzeitdaten.
Genau diese Lücke möchte eine neue, im Fachjournal Biomedicines veröffentlichte Studie schließen. Forschende begleiteten 241 Patient:innen mit therapieresistenten chronischen Rückenschmerzen über einen Zeitraum von fünf Jahren und untersuchten, wie sich eine Therapie mit inhaliertem Medizinalcannabis auf Schmerzen, Lebensqualität, körperliche Funktion und den Einsatz weiterer Schmerzmedikamente auswirkt. (2)
Cannabis bei chronischen Rückenschmerzen: Das wurde untersucht
In die Studie wurden ausschließlich Patient:innen aufgenommen, deren chronische Rückenschmerzen trotz verschiedener Therapieversuche weiterhin bestanden. Im Durchschnitt litten die Teilnehmenden bereits seit mehr als 15 Jahren unter ihren Beschwerden. Vor Beginn der Cannabistherapie hatten alle mindestens ein Jahr lang unterschiedliche Behandlungen erhalten, darunter Opioide, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs), Antidepressiva, Antikonvulsiva sowie Physiotherapie. Ein ausreichender Behandlungserfolg blieb jedoch aus.
Anschließend erhielten die Patient:innen eine individuell angepasste Therapie mit Medizinalcannabis. Die meisten konsumierten Cannabisblüten inhalativ, entweder durch Rauchen oder mithilfe eines Vaporizers. Art, Dosierung sowie das Verhältnis von THC und CBD wurden individuell an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst.
Während der fünfjährigen Beobachtungszeit erfassten die Forschenden regelmäßig verschiedene Parameter. Dazu gehörten unter anderem:
- Schmerzintensität
- körperliche Einschränkungen
- Lebensqualität
- Begleitmedikation
- Nebenwirkungen
- Fortführung der Cannabistherapie
Durch den langen Beobachtungszeitraum gehört die Untersuchung zu den bislang umfangreichsten Studien zum langfristigen Einsatz von Cannabis bei chronischen Rückenschmerzen.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie
Die Ergebnisse fallen insgesamt positiv aus.
Bereits im ersten Behandlungsjahr berichteten viele Patient:innen über eine deutliche Schmerzlinderung. Nach Angaben der Forschenden blieb dieser Effekt auch während der folgenden Jahre bestehen. Gleichzeitig verbesserten sich die körperliche Funktionsfähigkeit und die gesundheitsbezogene Lebensqualität signifikant.
Besonders auffällig war der Anteil der sogenannten Responder. Knapp 90 Prozent der Teilnehmenden erreichten eine Schmerzreduktion von mindestens 30 Prozent. Rund drei Viertel berichteten sogar von einer Verringerung ihrer Schmerzen um mindestens die Hälfte. Solche Verbesserungen gelten in der Schmerzmedizin als klinisch relevant und können den Alltag vieler Betroffener erheblich erleichtern.
Auch die Begleitmedikation veränderte sich deutlich. Während zu Studienbeginn alle Patient:innen Opioide einnahmen, sank dieser Anteil im Verlauf der fünf Jahre erheblich. Gleichzeitig verringerte sich auch der Einsatz weiterer Schmerzmedikamente wie NSAIDs oder Gabapentinoide. Die Autor:innen weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass sich daraus kein direkter ursächlicher Zusammenhang ableiten lässt.
Neben der Wirksamkeit untersuchten die Forschenden auch die Sicherheit der Therapie. Die dokumentierten Nebenwirkungen waren überwiegend mild. Am häufigsten traten trockene Augen, leichte kognitive Beeinträchtigungen und Magen-Darm-Beschwerden auf. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden nur selten beobachtet.
Wie aussagekräftig ist die Studie?
Die Ergebnisse der Studie sind vielversprechend, sollten jedoch differenziert betrachtet werden.
Zu den größten Stärken gehört der lange Beobachtungszeitraum von fünf Jahren. Langzeitdaten zum Einsatz von Medizinalcannabis bei chronischen Schmerzen sind bislang selten. Darüber hinaus wurden 241 Patient:innen über mehrere Jahre begleitet und neben der Schmerzintensität auch die körperliche Funktion, die Lebensqualität, die Begleitmedikation sowie mögliche Nebenwirkungen systematisch erfasst.
Trotz dieser Stärken besitzt die Untersuchung auch wichtige Einschränkungen. Es handelt sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe. Dadurch lässt sich nicht eindeutig nachweisen, dass die beobachteten Verbesserungen ausschließlich auf die Cannabistherapie zurückzuführen sind. Veränderungen des Lebensstils, begleitende Therapien oder andere Einflussfaktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls beeinflusst haben. Genau auf diese Limitation weisen die Autor:innen selbst ausdrücklich hin.
Hinzu kommt, dass ausschließlich Patient:innen mit therapieresistenten chronischen Rückenschmerzen untersucht wurden. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf Menschen mit akuten Rückenschmerzen oder leichteren Beschwerden übertragen.
Wie ordnet sich die Studie in die bisherige Forschung ein?
Die neue Langzeitstudie ergänzt die bestehende Evidenz sinnvoll.
Bereits mehrere systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen kamen zu dem Ergebnis, dass Medizinalcannabis bei einem Teil der Patient:innen mit chronischen Schmerzen zu einer klinisch relevanten Schmerzreduktion führen kann. Gleichzeitig kritisierten viele Forschende, dass hochwertige Langzeitdaten bislang weitgehend fehlen.
Genau hier setzt die aktuelle Untersuchung an. Sie zeigt erstmals über einen Zeitraum von fünf Jahren, wie sich eine Cannabistherapie unter realen Versorgungsbedingungen entwickeln kann. Besonders interessant ist dabei nicht nur die langfristige Schmerzlinderung, sondern auch die deutliche Reduktion klassischer Schmerzmedikamente wie Opioide. Dieses Ergebnis deckt sich mit früheren Beobachtungen, sollte aufgrund des Studiendesigns jedoch vorsichtig interpretiert werden.
Fazit
Diese Langzeitstudie bringt erneut wichtige Daten und Ergebnisse über den Einsatz von Medizinalcannabis bei chronischen Rückenschmerzen. Die positiven Ergebnisse lassen sich nicht von der Hand weisen und bieten Anlass für weitere Studien. Die Reduktion von klassischen Schmerzmitteln ist ein enorm erfreuliches Ergebnis, da sie in den meisten Fällen viel mehr und vor allem stärkere Nebenwirkungen mit sich bringen. Medizinisches Cannabis kann in jedem Fall eine ernstzunehmende Therapieoption sein. Dieses Wissen wird sich hoffentlich über die nächsten Jahre verbreiten.
Danke an den Branchenverband Cannabis e.V. Über den Newsletter, bin ich auf die Studie aufmerksam geworden.
FAQ zu Cannabis bei chronischen Rückenschmerzen
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Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Medizinalcannabis bei einigen Patient:innen chronische Rückenschmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern kann. Die Wirkung ist jedoch individuell unterschiedlich und sollte immer ärztlich begleitet werden.
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Die vorliegende Langzeitstudie zeigte eine deutliche Reduktion des Opioidkonsums. Ob Cannabis Opioide vollständig ersetzen kann, hängt jedoch von der jeweiligen Erkrankung und der individuellen Therapie ab.
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Die wissenschaftliche Evidenz wächst kontinuierlich. Neben mehreren Übersichtsarbeiten liefert die neue Langzeitstudie wichtige Erkenntnisse über den langfristigen Einsatz von Medizinalcannabis. Weitere randomisierte Studien sind jedoch erforderlich.
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Nein. Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen der Cannabistherapie und einer Verbesserung verschiedener Beschwerden. Aufgrund des Studiendesigns kann sie jedoch keinen ursächlichen Zusammenhang belegen.
Quellen und Studien ansehen
(1) https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/low-back-pain (2) https://www.mdpi.com/2227-9059/14/6/1255
