Keyfacts zu Myrcen: das Wichtigste in Kürze
- Myrcen ist ein Monoterpen und gehört zu den Duftstoffen vieler Pflanzen
- Es riecht krautig und erdig und prägt den Duft von Hopfen und vielen Cannabissorten
- Neben Cannabis steckt es in Hopfen, Zitronengras, Lorbeer und Zitrusfrüchten
- Beruhigende und schmerzlindernde Effekte wurden bisher nur bei Tieren und in Zellversuchen beobachtet
- Ob Sorten mit einem hohen Anteil des Terpens müde machen, ist am Menschen nicht belegt
- Das Terpen ist flüchtig und geht beim Trocknen und Lagern zum Teil verloren
Wer an frischen Cannabisblüten riecht, nimmt fast immer auch Myrcen wahr. Das Terpen kommt in vielen Sorten in größerer Menge vor und trägt viel zum typischen erdigen Duft bei. Bierbrauer kennen es aus dem Hopfen.
Über den Stoff kursieren viele Behauptungen: Er soll müde machen, die Muskeln entspannen und THC stärker wirken lassen. In diesem Beitrag liest du, was Studien zur Wirkung tatsächlich zeigen und was bisher nur vermutet wird. Außerdem geht es darum, wie das Terpen riecht, wo es vorkommt und wie du es bei Ernte und Lagerung erhältst.
Was ist Myrcen? Das Terpen im Überblick
Kurzantwort: Myrcen ist ein flüchtiger Pflanzenstoff aus der Gruppe der Monoterpene. Er kommt in über 200 Pflanzenarten vor.
Terpene sind organische Kohlenwasserstoffverbindungen. Chemisch besteht der Stoff Myrcen aus zwei Isopren-Einheiten und hat die Summenformel C10H16. Es gibt zwei Formen, α- und β-Myrcen. In der Natur kommt fast immer die β-Form vor, und in der Fachliteratur ist meist sie gemeint, wenn der Name ohne Zusatz steht. Das Terpen ist eine farblose oder gelbliche, ölige Flüssigkeit. In Lösungsmitteln ist Myrcen gut löslich, in Wasser nahezu unlöslich. (1)
Die Industrie gewinnt den Stoff vor allem aus β-Pinen durch thermo-chemische Umwandlungsprozesse. Er dient als Aromastoff in Lebensmitteln und Kosmetik und als Ausgangsstoff für andere Duftstoffe wie Linalool und Geraniol. (1)
In der Cannabispflanze entsteht das Terpen zusammen mit den Cannabinoiden in den Drüsenhaaren (Trichomen) der Blüten, in welchen auch THC und CBD hergestellt werden. Terpene machen dort insgesamt etwa 0,5 bis 3,5 % der Blütenmasse aus. (1, 2) Mehr zur ganzen Stoffgruppe findest du im Glossar unter Terpene.
Wie riecht Myrcen?
In allen bisher untersuchten Hopfensorten gilt dieses Terpen als der Stoff, der am stärksten zum Geruch beiträgt. Es bestimmt weitgehend das grüne, frische Hopfenaroma, das man aus kalt gehopften Bieren kennt. Fachleute beschreiben diesen Hopfenduft als krautig, harzig, grün und balsamisch. (1)
In Cannabis bringt es würzige, erdige und moschusartige Noten mit, im Geschmack wirkt es leicht süßlich. Wie eine Sorte insgesamt riecht, hängt aber vom Mischungsverhältnis vieler Terpene ab. Eine Blüte, in der es zusammen mit viel Limonen vorkommt, riecht deshalb anders als eine Blüte mit viel Pinen, auch wenn es in beiden das vorherrschende Terpen ist. (1, 2)
Wo kommt Myrcen vor?

Kurzantwort: Das Terpen ist in über 200 Pflanzen nachgewiesen. Besonders viel steckt in Hopfen und Cannabis.
Zu den wichtigsten Quellen zählen:
- Hopfen: bis zu 70 % des ätherischen Öls
- Zitronengras: etwa 15 bis 20 % des ätherischen Öls
- Verbene und Lorbeer
- Zitrusfrüchte und Zitrussäfte
- Mastix, das Harz des Mastixstrauchs (1)
- Mango, wobei der Gehalt stark von der Sorte abhängt (9)
- Cannabis, wo es in vielen Sorten das mengenmäßig stärkste Terpen ist (2)
Über normale Lebensmittel nimmt man deutlich mehr von diesem Terpen auf als über künstlich zugesetzte Aromen, laut einer Schätzung etwa das 16.500-Fache. Im fertigen Bier ist allerdings nur noch wenig davon übrig, weil der flüchtige Stoff beim Brauen und Erhitzen zum Teil verloren geht. Wie viel in einer Pflanze steckt, schwankt stark: je nach Art, Sorte und Pflanzenteil, aber auch je nach Anbaugebiet, Erntezeitpunkt und Anbaubedingungen. Außerdem geben viele Bäume in verschiedenen Teilen der Welt das Terpen an die Luft ab. (1)
Wie wirkt Myrcen? Was Studien zur Wirkung zeigen
Kurzantwort: In Tierversuchen wirkte Myrcen beruhigend und schmerzlindernd, allerdings in hohen Dosen. Ob es beim Menschen ähnlich wirkt, ist kaum untersucht.
Myrcen gilt als das Terpen hinter dem sogenannten Couchlock, dem schweren, trägen Gefühl, das manche Sorten auslösen. Die Forschung dazu ist dünner, als dieser Ruf vermuten lässt. Fast alle Ergebnisse stammen aus Versuchen mit Mäusen, Ratten oder Zellkulturen.
Beruhigend und muskelentspannend?
Mäuse, die eine hohe Dosis Myrcen bekamen, konnten sich deutlich schlechter auf einem drehenden Stab halten, ihre Muskeln waren also erschlafft. Mit einem zusätzlichen Schlafmittel schliefen sie mehr als doppelt so lange. (3) Das muss allerdings nicht allein an einer beruhigenden Wirkung liegen: Myrcen bremst offenbar Leberenzyme, die das Schlafmittel abbauen, sodass es länger im Körper bleibt. (1)
Beim Menschen gibt es kaum Daten. In einem kleinen Versuch atmeten fünf Personen ätherisches Cannabisöl ein. Sie fühlten sich danach entspannter und ruhiger, zugleich aber energiegeladener und besser gelaunt. Das Öl enthielt neben Myrcen viele weitere Stoffe. (1) Ob Myrcen in den Mengen einer Cannabisblüte müde macht, ist nicht belegt.
Schmerz und Entzündung
Bei Mäusen schwächte gespritztes Myrcen die Schmerzreaktion ab. Bekamen die Tiere vorher das Opioid-Gegenmittel Naloxon, blieb der Effekt aus. Vermutlich regt Myrcen also die Ausschüttung körpereigener Opioide an. (4)
Auch ätherisches Zitronengrasöl, das zu 15 bis 20 % aus Myrcen besteht, linderte bei Ratten Schmerzen ähnlich wie peripher wirkende Opioide. Anders als bei Morphin ließ die Wirkung nach fünf Tagen wiederholter Gabe nicht nach. In Zellkulturen aus menschlichem Knorpel bremste Myrcen außerdem Entzündungsvorgänge, die bei Arthrose den Knorpel abbauen. Am Menschen geprüft ist beides nicht. (1)
Myrcen und der Entourage-Effekt
Der Neurologe Ethan Russo vermutete 2011, dass Terpene wie Myrcen die Wirkung von THC und CBD mitprägen. (6) An den Cannabinoid-Rezeptoren zeigt sich davon bisher nichts: In einem Laborversuch aktivierte Myrcen weder CB1 noch CB2 und veränderte auch nicht, wie THC dort wirkt. Ob es auf anderen Wegen mitwirkt, ist offen. (5) Eine erste kontrollierte Studie am Menschen, in der THC zusammen mit Myrcen verdampft wird, ist an der Johns Hopkins University registriert. Ergebnisse wurden bisher nicht veröffentlicht. (11) Den Stand der Forschung fasst unser Beitrag zum Entourage-Effekt zusammen.
Lässt Myrcen mehr THC ins Gehirn?
Häufig heißt es, Myrcen mache die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, sodass mehr THC ins Gehirn gelangt und das High stärker ausfällt. Belastbare Daten dafür gibt es nicht. (1)
Verstärkt Mango die Wirkung von Cannabis?

Kurzantwort: Ist nicht belegt.
Einer verbreiteten Behauptung zufolge verstärkt der Verzehr einer reifen Mango vor dem Konsum die Wirkung von Cannabis. Begründet wird das mit dem Myrcen-Gehalt in der Frucht.
Tatsächlich enthalten manche Mangosorten viel davon: In einer Analyse von 25 Sorten machte das Terpen bei der Sorte ‚Xiaofei‘ 58,93 % der Aromastoffe aus. Daraus wird abgeleitet, dass das High stärker ausfällt oder länger anhält. In anderen Sorten kommt Myrcen dagegen nur in sehr geringen Mengen vor. (9)
Ob Mango die Wirkung von Cannabis tatsächlich beeinflusst, wurde bisher in keiner Studie untersucht.
Ist Myrcen sicher?
Für Myrcen in Cannabisblüten gibt es keine Hinweise auf eine Gefahr. Gezielt untersucht wurde das nicht. Über Lebensmittel wie Zitrusfrüchte oder Kräuter nimmt man das Terpen ohnehin regelmäßig auf. (1)
Anders sieht es beim starken Erhitzen aus. In einem Laborversuch, der das Dabben von Konzentraten nachstellte, zerfielen Myrcen und andere Terpene unter anderem zu Methacrolein und Benzol. Beide Stoffe gelten als gesundheitsschädlich. (10)
Hinweis zu Myrcen als Aromastoff: In Langzeitversuchen der US-Behörde NTP erhielten Ratten und Mäuse zwei Jahre lang sehr hohe Dosen (250 – 1.000 mg/kg Körpergewicht) des reinen Stoffs und entwickelten vermehrt Tumore an Niere und Leber. (1) Die myrcenreichsten Sorten einer Analyse enthielten rund 12 Milligramm pro Gramm Blüte, (2) auf den Menschen umgerechnet müsste dieser also mindestens 240g Blüten täglich konsumieren um auf den Myrcen-Gehalt zu kommen. Die FDA strich synthetisch hergestelltes Myrcen aus formalen Gründen von der Liste zugelassener Aromastoffe, sah aber kein Risiko bei üblicher Verwendung. Auch die europäische Behörde EFSA sieht keinen Anlass zur Sorge. (1)
Häufige Irrtümer über Myrcen
- „Viel Myrcen bedeutet Indica“: Die Bezeichnungen Indica und Sativa passen laut einer großen US-Analyse nur unzuverlässig zur Chemie einer Sorte. (7)
- „Ab 0,5 % wirkt Cannabis sedierend“: Diese Faustregel lässt sich auf keine Studie zurückführen und wurde nie überprüft.
- „Mango vor dem Konsum verstärkt das High“: Das wurde bisher in keiner Studie untersucht.
Myrcen in Cannabissorten
Kurzantwort: In vielen THC-reichen Sorten ist dieses Terpen das mengenmäßig stärkste, aber nicht in allen.
Eine Laboranalyse untersuchte 233 Blütenproben mit 30 Sortennamen aus einer kalifornischen Abgabestelle, gesammelt von 2015 bis 2016. Etwa ein Viertel der Sortennamen landete in einer eigenen, von diesem Terpen dominierten Gruppe. Die höchsten Durchschnittswerte in Milligramm pro Gramm Blüte:
- Godfather: 12,0 mg/g
- Purple Urkle: 11,4 mg/g
- Purple Princess: 8,9 mg/g
- Blue Dream: 7,5 mg/g
- Grape Ape: 7,3 mg/g (2)
OG Kush lag mit 7,1 mg/g ebenfalls hoch, enthielt aber fast ebenso viel Limonen. Jack Herer kam dagegen nur auf 0,9 mg/g, dort dominierte Terpinolen. (2)
Diese Zahlen gelten nur für die untersuchten Proben. Derselbe Sortenname kann je nach Hersteller und Charge ein anderes Terpenprofil haben. Verlässlicher ist das Analysezertifikat einer konkreten Charge. Wer englischsprachige Laborberichte sucht, findet unter „myrcene terpene“ vor allem US-Daten. (7) Einen Überblick über Sorten findest du im Beitrag Die Cannabissorten und ihre Unterschiede.
Darum ist das Terpenprofil relevant!
Das Terpenprofil interessiert vor allem Patientinnen und Patienten, die mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt verschiedene Präparate vergleichen, und alle, die selbst anbauen und das Aroma ihrer Ernte erhalten möchten. Eine bestimmte Wirkung lässt sich aus dem Gehalt eines einzelnen Terpens allein nicht ableiten.
Myrcen bei Ernte und Lagerung erhalten
Kurzantwort: Das Terpen verdunstet leicht. Beim Trocknen und Lagern verlieren Blüten deshalb einen Teil davon.
Wie groß der Verlust sein kann, zeigt ein Versuch mit Blüten einer einzigen Pflanze. Nach einer Woche Lufttrocknung enthielten sie 31 % weniger ätherisches Öl als frisch geerntet, nach drei Monaten in einer Papiertüte 55 % weniger. Besonders betroffen waren die Monoterpene, zu denen auch dieses Terpen gehört: Ihr Anteil am Öl sank von 92 auf 62 %. (8) Der reine Stoff kann zudem schon bei Raumtemperatur mit sich selbst reagieren und verkleben, bei 3 °C gelagert blieb er dagegen ein Jahr lang stabil. (1)
Schritt für Schritt zu mehr Aroma:
- Blüten langsam und ohne Hitze trocknen, damit möglichst wenig verdunstet
- Nach dem Trocknen in luftdichte Gläser umfüllen, Papiertüten vermeiden
- Kühl und dunkel lagern
- Gläser nur bei Bedarf öffnen und Blüten erst kurz vor dem Gebrauch zerkleinern
Mehr dazu liest du im Ratgeber (Medizinisches) Cannabis richtig lagern.
Fazit
Myrcen prägt den krautig-erdigen Duft von Hopfen und vielen Cannabissorten. Beruhigende und schmerzlindernde Effekte wurden bisher nur bei Tieren und im Labor beobachtet, am Menschen sind sie nicht belegt.
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Medizinischer Disclaimer
Die Inhalte dieses Beitrags dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Fragen zur Anwendung von Cannabis sollte immer ärztlicher Rat eingeholt werden.
Häufig gestellte Fragen
-
Harzig, krautig und balsamisch, in Cannabis eher erdig und würzig. Das Terpen prägt auch das frische Aroma von Hopfen.
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In Tierversuchen wirkte der Stoff in hohen Dosen beruhigend und schmerzlindernd. Studien am Menschen mit dem reinen Terpen fehlen bisher.
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Das ist nicht belegt. Die müde machende Wirkung wurde bei Mäusen mit sehr hohen Dosen beobachtet. Ob die Mengen in Cannabis beim Menschen müde machen, wurde nicht untersucht.
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β-Myrcen ist die natürlich vorkommende Form und meist gemeint, wenn der Name ohne Zusatz fällt. Die α-Form ist chemisch verwandt, spielt in Pflanzen aber kaum eine Rolle.
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Besonders viel enthalten Hopfen und Cannabis. Weitere Quellen sind Zitronengras, Verbene, Lorbeer, Mastix und Zitrusfrüchte.
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In einer kalifornischen Laboranalyse lagen Godfather, Purple Urkle und Purple Princess vorn. Das Profil kann aber je nach Charge schwanken, deshalb lohnt der Blick ins Analysezertifikat.
Quellen und Studien ansehen
- Surendran S, Qassadi F, Surendran G, Lilley D, Heinrich M (2021): Myrcene: What Are the Potential Health Benefits of This Flavouring and Aroma Agent? Frontiers in Nutrition 8, 699666
- Fischedick JT (2017): Identification of Terpenoid Chemotypes Among High (−)-trans-Δ9-Tetrahydrocannabinol-Producing Cannabis sativa L. Cultivars. Cannabis and Cannabinoid Research 2(1), 34-47
- do Vale TG, Furtado EC, Santos JG, Viana GS (2002): Central effects of citral, myrcene and limonene, constituents of essential oil chemotypes from Lippia alba. Phytomedicine 9(8), 709-714
- Rao VS, Menezes AM, Viana GS (1990): Effect of myrcene on nociception in mice. Journal of Pharmacy and Pharmacology 42(12), 877-878
- Santiago M, Sachdev S, Arnold JC, McGregor IS, Connor M (2019): Absence of Entourage: Terpenoids Commonly Found in Cannabis sativa Do Not Modulate the Functional Activity of Δ9-THC at Human CB1 and CB2 Receptors. Cannabis and Cannabinoid Research 4(3), 165-176
- Russo EB (2011): Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology 163(7), 1344-1364
- Smith CJ, Vergara D, Keegan B, Jikomes N (2022): The phytochemical diversity of commercial Cannabis in the United States. PLoS ONE 17(5), e0267498
- Ross SA, ElSohly MA (1996): The Volatile Oil Composition of Fresh and Air-Dried Buds of Cannabis sativa. Journal of Natural Products 59(1), 49-51
- Li L, Ma XW, Zhan RL, Wu HX, Yao QS, Xu WT, Luo C, Zhou YG, Liang QZ, Wang SB (2017): Profiling of volatile fragrant components in a mini-core collection of mango germplasms from seven countries. PLoS ONE 12(12), e0187487
- Meehan-Atrash J, Luo W, Strongin RM (2017): Toxicant Formation in Dabbing: The Terpene Story. ACS Omega 2(9), 6112-6117
- Johns Hopkins University: Behavioral Pharmacology of THC and Beta-Myrcene. ClinicalTrials.gov, NCT05432284
