Die Bundesregierung plant eine Änderung im Medizinal-Cannabisgesetz, die das Leben vieler Patient:innen auf den Kopf stellen könnte. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will den Versandhandel für medizinische Cannabisblüten stoppen, also ein Versandverbot integrieren und strengere Regeln für Verschreibungen per Videosprechstunde einführen.
Was in den Papieren wie eine formale Anpassung wirkt, hätte in der Realität massive Folgen: Stigmatisierung, lange Anfahrtswege und in manchen Regionen schlicht gar keine Möglichkeit mehr, an die dringend benötigte Medizin zu kommen. Besonders hart würde es die treffen, die schon jetzt auf jede Unterstützung angewiesen sind. Solch eine eine Regelung würde einigen Patient:innen den Zugang zu ihrer Medizin nahezu unmöglich machen.
Was Nina Warken plant
Künftig sollen Ärzt:innen ihre Patient:innen mindestens einmal innerhalb von vier Quartalen persönlich sehen müssen, bevor eine Folgeverordnung ausgestellt wird. Gleichzeitig soll der Versand von Cannabisblüten komplett untersagt werden. Für viele Menschen klingt das nach einer kleinen Formalität – für Kranke ist es ein herber Schlag.
Gerade diejenigen, die in abgelegenen Regionen leben oder gesundheitlich eingeschränkt sind, könnten ihre Medikamente nicht mehr problemlos bekommen. Die politische Begründung lautet: mehr Kontrolle und weniger Missbrauch. Die Realität sieht anders aus: ein wachsendes Versorgungsproblem. Der bestehende Missbrauch ist letztlich ein politisch gemachtes Problem, das sich durch den Ausbau legaler und unkomplizierter Zugangsmöglichkeiten deutlich reduzieren ließe. Die Zukunft der Telemedizin ist demnach derzeit noch ungewiss.
Wenn die nächste Apotheke Stunden entfernt ist
Die Plattform Bloomwell hat untersucht, wie es aktuell um die Versorgung steht – und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
- 49,4 % der Patient:innen wohnen weiter als zehn Kilometer von der nächsten auf Cannabis spezialisierten Apotheke entfernt.
- In Saarland, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Bremen gibt es derzeit keine einzige solche Apotheke.
- Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg haben jeweils nur eine.
- In ländlichen Regionen kann die Fahrt zur nächsten spezialisierten Apotheke über 100 Kilometer dauern.
Das Problem ist nicht neu, aber ein Versandverbot würde die Lücken noch größer reißen. Während Bayern weit über dem Bundesdurchschnitt liegt, haben viele Regionen im Norden und Osten niedrige Patientenzahlen – nicht, weil es weniger Bedarf gibt, sondern weil die Hürden schon jetzt hoch sind.
Stigmatisierung und Zwang in die Illegalität
Medizinisches Cannabis ist keine „Luxusmedizin“, sondern für viele Patient:innen der einzige Weg zu einem erträglichen Alltag. Chronische Schmerzen, Multiple Sklerose, schwere Schlafstörungen – die Liste der Indikationen ist lang.
Wer den Zugang erschwert, zwingt Betroffene, zwischen Leid und illegalem Erwerb zu wählen.
Niklas Kouparanis, CEO von Bloomwell, warnt davor, dass ein solcher Schritt viele wieder in die Kriminalität drängen würde. Und er hat recht: Ein Gesetz, das Patient:innen im Stich lässt, ist kein Fortschritt – es ist ein Rückschritt.
Mehr Cannabis importiert denn je
Paradox: Noch nie wurde so viel medizinisches Cannabis nach Deutschland importiert. Im zweiten Quartal 2025 waren es 43,3 Tonnen – ein neuer Rekord.
Doch diese Menge bedeutet für viele Patient:innen nichts, wenn die nächste Abgabestelle weit entfernt ist. Was nützen volle Lager, wenn der Weg dorthin für viele unmöglich ist und der Versand zukünftig gestrichen werden könnte?
Die Evaluation im Oktober
Im Oktober steht der erste Zwischenbericht zur Evaluation des Cannabisgesetzes an. Das Ziel: herausfinden, wie sich die bisherigen Regelungen auf Versorgung, Missbrauchsprävention und medizinische Nutzung auswirken.
Eigentlich wäre es nur logisch, diese Daten abzuwarten, bevor neue Gesetze erlassen werden.
Niemand bestreitet, dass Missbrauch verhindert werden muss. Aber ein Versandverbot und die Einschränkung der Telemedizin ist der falsche Weg. Besser wäre:
- Mehr spezialisierte Apotheken im ganzen Land
- Sicherer und kontrollierter Versandhandel
- Einheitliche Qualitätsstandards für Beratung und Abgabe
- legale Abgabestellen mit festgelegten Qualitätsstandards
- CSCs den Weg zur Eröffnung und zum Grow erleichtern
- So könnten Patient:innen versorgt bleiben – unabhängig von Wohnort, Einkommen oder Mobilität.
Fazit zum geplanten Versandverbot
Das geplante Versandverbot für medizinisches Cannabis gefährdet die Versorgung tausender Patient:innen.
Wer Patientensicherheit ernst nimmt, muss den Zugang verbessern, nicht verschlechtern. Alles andere ist ein gesundheitspolitischer Irrweg.
