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Ein rotes Herz vor einem EKG Schreiber. Hier geht es um Herzerkrankungen durch Cannabis
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Herzerkrankungen durch Cannabis: 5 Fakten zur US-Studie

Inhaltsverzeichnis

Mila Grün

Mila Grün Chefredakteurin der cannabib

Keyfacts: Herzerkrankungen durch Cannabis

  • Ein Team um Aabha Divya von der Tulane University in New Orleans hat Befragungsdaten von 442.906 US-Erwachsenen aus den Jahren 2020 bis 2024 ausgewertet.
  • Die Ergebnisse gibt es bisher nur als Pressemitteilung der American Heart Association (AHA) und als Poster für deren Kongress vom 6. bis 9. November 2026 in Chicago. Ein begutachteter Fachartikel fehlt.
  • Wer an 1 bis 5 Tagen im Monat Cannabis konsumierte, hatte 23 % höhere Odds für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung in der Vorgeschichte und 40 % höhere Odds für einen Schlaganfall. Bei Konsum an 16 bis 30 Tagen lagen die Werte mit 21 % und 25 % niedriger.
  • Für Herzinfarkte fand das Team keinen statistisch signifikanten Zusammenhang.
  • Die Studie zeigt einen Zusammenhang. Ob Cannabis die Erkrankungen auslöst, kann sie nicht klären.

Herzerkrankungen durch Cannabis: So titelt DIE ZEIT am 2. November 2026 über eine neue Studie aus den USA. Eine breite Untersuchung erhärte jetzt den Verdacht, dass Cannabis dem Herzen schadet. (2) Wir haben uns angesehen, woher die Zahlen stammen, wie sie zustande kamen und was sie tatsächlich aussagen. Kurz gesagt: weniger, als die Überschrift voraussagt.

Was die Studie untersucht hat

Hinter den Zahlen steht ein Team um Aabha Divya, Assistenzprofessorin für Herz-Thorax-Chirurgie an der Tulane University School of Medicine in New Orleans. Die Forschenden haben dafür vorhandene Daten des Behavioral Risk Factor Surveillance System ausgewertet, kurz BRFSS. Das ist eine große telefonische Gesundheitsbefragung der US-Gesundheitsbehörde CDC. (3) Die Fragen zu Cannabis sind darin freiwillig, deshalb flossen pro Jahr nur Daten aus 16 bis 24 Bundesstaaten ein. (1)

Insgesamt kamen 442.906 Erwachsene zusammen, im Schnitt 49 Jahre alt und etwa zur Hälfte Frauen. Sie sollten angeben, an wie vielen der letzten 30 Tage sie Cannabis geraucht, verdampft oder gegessen hatten. Daraus bildete das Team vier Gruppen:

  • kein Konsum im letzten Monat
  • seltener Konsum an 1 bis 5 Tagen
  • mittlerer Konsum an 6 bis 15 Tagen
  • häufiger Konsum an 16 bis 30 Tagen

Außerdem wurden alle gefragt, ob ihnen ein Arzt oder eine Ärztin jemals einen Herzinfarkt, eine Herzkrankheit, herzbedingte Brustschmerzen oder einen Schlaganfall diagnostiziert hat. In die Rechnung gingen auch Alter und weitere demografische Angaben ein, dazu Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Diabetes, chronische Nierenerkrankungen, Bewegungsmangel, Bildung und Einkommen. (1)

Die Ergebnisse in Zahlen

Verglichen wurde jeweils mit Menschen, die im letzten Monat kein Cannabis genommen hatten.

  • 1 bis 5 Konsumtage: 23 % höhere Odds für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, 40 % höhere Odds für einen Schlaganfall
  • 16 bis 30 Konsumtage: 21 % höhere Odds für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, 25 % höhere Odds für einen Schlaganfall
  • Herzinfarkt: kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Zahl der Konsumtage

Für die mittlere Gruppe nennt die Pressemitteilung keine Werte, Konfidenzintervalle fehlen ebenfalls. Einen Abstract mit genauen Zahlen haben wir vor dem Kongress nicht öffentlich gefunden. Divya selbst zeigt sich in der Mitteilung überrascht: Sie hatte erwartet, dass die Werte mit der Zahl der Konsumtage steigen. Das war nicht der Fall. (1) (4)

Was DIE ZEIT daraus macht

Laut ZEIT erhöht Cannabis „offenbar“ das Risiko für Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Schlaganfallrisiko steige um bis zu 40 %, die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 23 %. (2) Die Zahlen selbst gibt der Artikel richtig wieder. Er erwähnt auch, dass Gelegenheitskonsumenten schlechter abschnitten und dass Tabak, Alkohol und andere Risikofaktoren berücksichtigt wurden.

Was fehlt, ist die Einordnung. Die Überschrift „Herzerkrankungen durch Cannabis“ und das Wort „bestätigt“ im Vorspann klingen nach Ursache und Wirkung. Die AHA schreibt in ihrer Mitteilung ausdrücklich, dass die Studie genau das nicht beweisen kann. Dass die Daten noch nicht begutachtet sind, dass es keinen Zusammenhang mit Herzinfarkten gab und welche Schwächen eine Telefonbefragung hat, steht nicht im Text.

Was die Ergebnisse wirklich zeigen

Eine Befragung zu einem einzigen Zeitpunkt zeigt nur, wer gerade konsumiert und wer schon einmal eine Diagnose bekommen hat. Was zuerst da war, bleibt offen. Wer nach einem Schlaganfall mit dem Kiffen aufgehört hat, landet in der Gruppe ohne Konsum. Das kann die Ergebnisse verzerren und erklärt womöglich auch, warum ausgerechnet die Gelegenheitskonsumenten so schlecht abschneiden. Die Studie selbst liefert dafür keine Erklärung. (1)

Auch die Prozentangaben brauchen einen zweiten Blick. Es handelt sich um Odds Ratios, also um Chancenverhältnisse. 40 % höhere Odds heißt nicht, dass 40 % mehr Menschen einen Schlaganfall bekommen. Bei seltenen Erkrankungen liegen beide Werte zwar nah beieinander. Von einem steigenden Schlaganfallrisiko zu sprechen, verkürzt aber, denn gemessen wurde nur, wie oft eine frühere Diagnose angegeben wurde.

Dazu kommt, dass Konsum und Diagnosen auf Selbstauskunft beruhen. Wie viel jemand genommen hat und wie stark das Cannabis war, wurde nicht erfasst. In der Gruppe ohne Konsum können außerdem frühere Konsumentinnen und Konsumenten stecken. Rauchen und Alkohol wurden zwar herausgerechnet, in solchen Daten bleiben aber immer Einflüsse übrig, die niemand gemessen hat.

Wie die Studie zu früheren Daten passt

Ganz neu ist der Befund nicht. Eine Auswertung derselben Befragung aus den Jahren 2016 bis 2020 mit 434.104 Erwachsenen fand bei täglichem Konsum 25 % höhere Odds für einen Herzinfarkt und 42 % höhere Odds für einen Schlaganfall. (5) Eine weitere BRFSS-Analyse für 2020 bis 2023 kam auf 28 bis 29 % höhere Odds für einen Schlaganfall, egal ob täglich oder seltener konsumiert wurde. (6)

Die Richtung ist also ähnlich. Menschen, die Cannabis nehmen, geben in diesen Befragungen häufiger Herz-Kreislauf-Probleme in der Vorgeschichte an. Weil alle drei Arbeiten auf denselben Telefonumfragen beruhen, teilen sie aber auch dieselben Schwächen. Robert Page, der 2020 eine wissenschaftliche Stellungnahme der AHA zu Cannabis geleitet hat und an der neuen Studie nicht beteiligt war, spricht von einer Beobachtungsstudie. Sie deute darauf hin, dass Cannabis ein möglicher Risikofaktor sein könnte. (1)

Fazit

Die neue US-Studie ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Cannabiskonsum mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vor allem mit Schlaganfällen zusammenhängen könnte. Herzerkrankungen durch Cannabis belegt sie nicht. Dafür fehlen ein begutachteter Fachartikel, Angaben zu Menge und THC-Gehalt und Daten, die Menschen über mehrere Jahre begleiten. Ein Grund zur Panik ist die Studie nicht. Wer aber Herzprobleme hat und Cannabis nimmt, sollte das mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen.

Medizinischer Disclaimer

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden am Herzen oder Fragen zu einer Cannabistherapie wende dich an deine Ärztin oder deinen Arzt.

Häufig gestellte Fragen

  • Das ist nicht belegt. Die neue US-Studie zeigt, dass Menschen, die Cannabis konsumieren, häufiger angeben, schon einmal eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einen Schlaganfall gehabt zu haben. Ob Cannabis die Ursache ist, kann eine solche Befragung nicht klären. (1)

  • Ausgewertet wurden die Angaben von 442.906 US-Erwachsenen aus der Gesundheitsbefragung BRFSS der Jahre 2020 bis 2024. Erfasst waren je nach Jahr 16 bis 24 Bundesstaaten. (1)

  • Das ist offen, auch die Studienautorin war überrascht. Eine mögliche Erklärung: Wer nach einer Diagnose weniger oder gar nicht mehr konsumiert, verschiebt die Gruppen. Die Studie selbst nennt dafür keinen Grund. (1)

  • Nein. Bisher gibt es eine Pressemitteilung der American Heart Association. Vorgestellt wird die Arbeit als Poster auf dem AHA-Kongress vom 6. bis 9. November 2026 in Chicago. Ein begutachteter Fachartikel liegt noch nicht vor. (1)

  • Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Gefragt wurde nur, an wie vielen Tagen Cannabis geraucht, verdampft oder gegessen wurde. Ob es um Medizinalcannabis ging, wie viel genommen wurde und wie hoch der THC-Gehalt war, ist nicht erfasst. (1) Wer Cannabis auf Rezept nimmt und Herzprobleme hat, sollte das mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen.

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