Für Minderjährige bleibt der Umgang mit Cannabis trotz der Teillegalisierung verboten. Die aktuellen Zahlen aus der Strafverfolgungsstatistik zeigen, dass sich die Anzahl der Verurteilungen deutlich verringert hat. Genau diese Entwicklung sorgt für starke politische Reaktionen.
Cannabisstrafen bei Jugendlichen und die politische Debatte
Laut neuester Statistik wurden im vergangenen Jahr insgesamt 4.340 Menschen wegen Drogendelikten verurteilt, ein Rückgang von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei Minderjährigen.
In der Altersgruppe der 14 bis 17 Jahre sank die Zahl der Verurteilungen um mehr als 60 Prozent. Während im Vorjahr noch 346 Jugendliche verurteilt wurden, waren es nun lediglich 134.
Diese Zahlen wurden von Justizministerin Marion Gentges öffentlich kritisiert. In einem Interview erklärte sie: „Mit dem Cannabis-Gesetz der ehemaligen Ampelregierung kiffen Jugendliche praktisch ohne Konsequenzen.“ Aus ihrer Perspektive könne der Staat Jugendlichen kaum noch Grenzen setzen, da strafrechtliche Maßnahmen nicht mehr greifen, wie man an den Zahlen deutlich erkenne.
Diese Aussage ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Diskussion noch immer von veralteten Annahmen geprägt ist. Das Zitat zeigt, dass Strafen ein geeignetes Mittel seien, um Jugendliche vom Konsum abzuhalten. Genau das lässt sich wissenschaftlich jedoch nicht belegen. Die Behauptung, dass Jugendstrafrecht als erzieherisches Werkzeug wirkt, basiert nicht auf Evidenz, sondern auf einem straforientierten Weltbild, das in der modernen Drogenpolitik längst überholt ist.
Der Rückgang der Verurteilungen bedeutet nicht, dass Jugendliche nun massenhaft konsumieren. Er bedeutet lediglich, dass sie nicht mehr kriminalisiert werden, wenn sie Unterstützung oder Aufklärung benötigen. Und genau das war eines der erklärten Ziele der Reform. Übrigens: der Cannabiskonsum bei Jugendlichen erreicht historischen Tiefstand.
Warum Strafen keine wirksame Prävention darstellen
Die Annahme, dass Strafe abschreckt, hält sich politisch hartnäckig. Doch Studien zeigen, dass Strafen weder den Konsum verhindern noch Jugendlichen hilft. Eine umfassende Analyse der European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA) kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass strengere Sanktionen keinen messbaren Einfluss auf das Konsumverhalten junger Menschen haben.Die EMCDDA betont, dass selbst in Ländern mit harten Strafandrohungen keine niedrigeren Konsumraten festgestellt werden als in Ländern mit entkriminalisierten Ansätzen.
Auch die Global Commission on Drug Policy weist seit Jahren darauf hin, dass die Kriminalisierung von Konsumenten vor allem negative Folgen hat. Jugendliche, die Strafe befürchten, verbergen ihren Konsum. Sie sprechen weniger offen über Risiken, suchen seltener Beratung und bleiben oft mit falschen Informationen zurück. Genau das ist das Gegenteil von Jugendschutz.
Cannabisstrafen bei Jugendlichen erzeugen außerdem Stigmatisierung. Ein Eintrag im Jugendstrafrecht kann Ausbildungswege behindern, soziale Beziehungen belasten und das Vertrauen in wichtige Institutionen schwächen. Junge Menschen tragen die Konsequenzen oft länger als das eigentliche Verhalten relevant ist. Diese Belastungen stehen in keinem Verhältnis zu den möglichen Risiken ihres Konsums.
Strafe verhindert nicht das Ausprobieren, sondern lediglich, das Jugendliche aus Angst, nicht das Gespräch suchen. Der Konsum findet trotzdem statt, nur eben im Verborgenem.
Warum Jugendschutz heute anders gedacht werden muss
Jugendliche probieren Substanzen aus. Das gilt für Alkohol, Nikotin und Cannabis. Die zentrale Aufgabe der Gesellschaft besteht also nicht darin, dieses Verhalten durch Sanktionen zu bestrafen, sondern darin, Risiken zu erklären und jungen Menschen zu helfen, informierte Entscheidungen zu treffen.
Früher und intensiver Cannabiskonsum kann die Entwicklung beeinflussen. Genau deshalb brauchen Jugendliche Aufklärung, nicht Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Sie brauchen Erwachsene, die ehrlich mit ihnen sprechen und ihnen erklären, welche Risiken es gibt. Wenn wir akzeptieren, dass Jugendliche Erfahrungen machen, müssen wir dafür sorgen, dass sie diese Erfahrungen möglichst sicher machen. Strafandrohungen leisten dazu keinen Beitrag.
Außerdem wird hier wieder mit zweierlei Maß gemessen:
Wenn ein Jugendlicher mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus landet, wird er oder sie dafür ja auch nicht bestraft. Beim Cannabis sollen jedoch noch Strafen eingesetzt werden, obwohl die Faktenlage eindeutig zeigt, dass dieser Ansatz nicht funktioniert. Jugendliche mit 20 Gramm in der Tasche zu erwischen, ist eine Strafe wert, doch sie mit 5 Flaschen Wein zu erwischen, wohl nicht. Das eine wird als Dealerei abgestempelt und das andere als gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten.
Eine moderne Form des Jugendschutzes erkennt an, dass Wissensvermittlung, Frühaufklärung und realistische Kommunikation mehr bewirken als strafrechtliche Maßnahmen. Das Ziel sollte immer sein, Risiken zu reduzieren und jungen Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie ihren Konsum reflektieren und wissen, wo sie sich Hilfe holen können.
Was Jugendliche wirklich brauchen
Junge Menschen brauchen keine strikten Regeln und moralische Appelle. Sie brauchen Grenzen, nützliche Informationen, Respekt und Austausch auf Augenhöhe. Cannabisstrafen bei Jugendlichen tragen nichts dazu bei. Sie schaffen Distanz und verhindern genau die Gespräche, die so dringend nötig sind.
Deshalb ist es wichtig, diese Debatte offen zu führen.
Denn es geht darum, ihnen zuzuhören und ihnen wahren Kinder- und Jugendschutz zu bieten und eben keine Pseudopolitik, die diesen für ihre Wahlversprechen nutzt.
