Weiter zum Inhalt
Cannabib
Cannabis Wissen: Anbau, Medizin, Recht & News

cannabib.de - Deine Plattform für Wissen rund um Cannabis!

Deine Plattform rund um Cannabis!

Drogenverbote erklärt: Kriminalbiologe Mark Benecke spricht bei einem Vortrag auf der re:publica 2022
Cannabib Schlagzeilen

Drogenverbote schaffen mehr Probleme, als sie lösen

Inhaltsverzeichnis

Mila Grün

Mila Grün Chefredakteurin der cannabib

Keyfacts: Warum Drogenverbote laut Mark Benecke scheitern

  • Kriminalbiologe Mark Benecke hält Drogenverbote für wirkungslos und schädlich. Das hat er zuletzt in einem Vortrag an der Universität Kiel dargelegt, den Deutschlandfunk Nova im September 2026 als Podcast veröffentlicht hat.
  • Sein Kernargument: Verbote senken den Konsum nicht, sondern stärken den Schwarzmarkt und die organisierte Kriminalität.
  • Als Vorbild nennt er Portugal, das den Besitz kleiner Mengen aller Drogen 2001 zur Ordnungswidrigkeit gemacht hat.
  • Die Drogentoten in Portugal liegen seitdem deutlich unter dem EU-Durchschnitt, die HIV-Neudiagnosen durch Drogeninjektion sind stark gesunken.
  • Nicht jedes Beispiel ist so eindeutig: Oregon und Thailand haben ihre Lockerungen teilweise wieder zurückgenommen.

„Drogenverbote schaffen mehr Probleme, als sie lösen“: So lässt sich zusammenfassen, was Mark Benecke seit Jahren sagt. In einer aktuellen Folge des Podcasts „Hörsaal“ von Deutschlandfunk Nova legt er seine Argumente ausführlich dar. Der Titel der Folge bringt es auf den Punkt: Drogenverbote seien „schädlich, kontraproduktiv und teuer“. Wir fassen zusammen, was Benecke sagt, was er früher schon in Interviews gesagt hat und wo seine Thesen durch Zahlen gestützt werden. Und wir schauen genauer hin, wo er zuspitzt. (1)

Wer ist Mark Benecke?

Mark Benecke, Jahrgang 1970, ist einer der bekanntesten Kriminalbiologen Deutschlands. Er hat an der Universität Köln studiert und promoviert. Von 1997 bis 1999 arbeitete er als forensischer Biologe im Office of the Chief Medical Examiner in New York, der Rechtsmedizin der Stadt. Sein Spezialgebiet ist die forensische Entomologie, also die Frage, was Insekten an Leichen über den Todeszeitpunkt und den Tathergang verraten. Heute lebt er in Köln, arbeitet als freier Sachverständiger und hält weltweit Vorträge. (2)

Mit Drogen hat Benecke beruflich ständig zu tun: bei Todesfällen, bei Gewaltverbrechen und in der Zusammenarbeit mit Polizei und Zoll. Drogenpolitisch engagiert er sich als Sprecher von LEAP Deutschland. Der Verein besteht vor allem aus Menschen aus Polizei, Justiz und Strafverfolgung, die die Kriminalisierung von Drogenkonsumierenden für falsch und kontraproduktiv halten. (3)

Der Vortrag: Worum es im Hörsaal-Podcast geht

Ein Fläschen FentanylDen Vortrag hielt Benecke im Juni 2026 im Rahmen einer Ringvorlesung am Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel. Deutschlandfunk Nova hat ihn am 17. September 2026 in der Reihe „Hörsaal“ veröffentlicht, die Folge dauert rund 53 Minuten. Moderatorin Katrin Ohlendorf weist vorab darauf hin, dass Benecke an einigen Stellen Gewaltverbrechen sehr anschaulich schildert. (1)

Benecke beginnt mit einer Bestandsaufnahme. Über Abwasseranalysen wisse man heute sehr genau, welche Substanzen in welchen europäischen Städten konsumiert werden. Viele Drogen seien in den vergangenen Jahren deutlich stärker geworden, Fentanyl und ähnliche synthetische Opioide könnten schon in unsichtbar kleinen Mengen tödlich sein. Kriminelle Labore veränderten Stoffe laufend minimal, damit sie weder verboten noch in Schnelltests nachweisbar sind. Das Fazit dieses Teils: Die Verbotslisten laufen der Chemie immer hinterher.

Benecke verweist dabei auch auf den Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen. Laut dem Bericht 2025 des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) haben 2023 weltweit rund 316 Millionen Menschen illegale Drogen konsumiert. Cannabis ist mit etwa 244 Millionen Konsumierenden die mit Abstand am weitesten verbreitete Substanz, gefolgt von Opioiden mit rund 61 Millionen. (4)

Beneckes 5 Argumente gegen Drogenverbote

Am Ende seines Vortrags fasst Benecke seine Position in wenigen Sätzen zusammen. Der zentrale lautet: „Grundsätzlich, wenn Sie Drogen verbieten, wird der Zweck der Prohibition immer verfehlt.“ Und weiter: „Es gibt kein Beispiel in der menschlichen Geschichte, wo Drogenverbote dazu geführt haben, dass weniger Drogen genommen wurden, dass der Staat stabiler war oder dass es mehr Sozialprogramme gab.“ Seine Argumente lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:

  • Verbote verfehlen ihr Ziel: Der Konsum sinkt nicht. Stattdessen werden verdrängte Substanzen durch neue, oft stärkere ersetzt.
  • Der Schwarzmarkt wächst: Die Gewinne landen bei der organisierten Kriminalität, die sie über Spielhallen, Barzahlungsgeschäfte oder Immobilien wäscht. Benecke nennt als Beispiel Eigentumswohnungen in Berlin.
  • Verbote sind teuer: Die Polizei verbringe viel Zeit damit, Menschen wegen kleiner Mengen zu kontrollieren, die gar nicht handeln. Diese Zeit fehle bei anderen Delikten.
  • Konsumierende bekommen „Dreck“: Wer auf dem Schwarzmarkt kauft, weiß nicht, was er nimmt. Benecke formuliert es so: Nicht die Drogen seien Gift, sondern sie könnten vergiftet sein, etwa durch Beimengungen hochpotenter Opioide.
  • Kriminalisierung schadet jungen Menschen: Eine Vorstrafe wegen Besitzes erschwert später Ausbildung und Beruf, ohne das eigentliche Problem zu lösen.

Besonders drastisch schildert Benecke die Gewalt entlang der Schmuggelrouten, etwa in Mexiko und Kolumbien. Viele Menschen stürben nicht an den Drogen selbst, sondern in den Kämpfen um den Verteilungsmarkt. Mit Repression sei das nicht zu lösen: „Wenn Sie jetzt versuchen, durch Unterdrückungsmaßnahmen zu arbeiten, das wissen wir seit über 100 Jahren, klappt es nicht.“ Die Folge seien mehr tote Politiker, mehr vergiftete Jugendliche und mehr dauerhaft Abhängige. Als historisches Beispiel verweist er auf die Alkoholprohibition in den USA.

Was stattdessen helfen soll, beschreibt er ebenfalls: Drug-Checking, also die anonyme Prüfung von Substanzen etwa vor Clubs, klare Kennzeichnung legal verkaufter Produkte und vor allem, dass Steuereinnahmen und Einsparungen in Prävention, Drogenhilfe und Sozialarbeit fließen. Als Beispiel nennt er Housing-First-Programme, bei denen wohnungslose Menschen eine Wohnung bekommen, auch wenn sie noch Substanzen konsumieren.

Bemerkenswert ist, wie Benecke seinen Vortrag schließt: Er lädt ausdrücklich zum Widerspruch ein. Wer ein wissenschaftlich unterfüttertes Gegenbeispiel finde, solle es ihm schicken, er wolle nicht recht behalten.

Portugal als Vorbild: Was die Zahlen zeigen

Das wichtigste Beispiel in Beneckes Vortrag ist Portugal. Das Land hat 2001 den Besitz kleiner Mengen aller Drogen zum Eigengebrauch von einer Straftat zur Ordnungswidrigkeit herabgestuft. Als Grenze gilt, wie auch Benecke erklärt, der Bedarf für bis zu zehn Tage. Über die Folgen entscheiden eigens eingerichtete Kommissionen, die von einer Verwarnung über ein Bußgeld bis zur Vermittlung in Beratung und Therapie reichen. Handel bleibt strafbar. (5)

Die Entwicklung seitdem stützt Beneckes These in wichtigen Punkten. Laut einer Auswertung der britischen Transform Drug Policy Foundation, die auf Daten der EU-Drogenagentur, von Eurostat und portugiesischen Behörden beruht, gab es 2001 in Portugal 1.287 neue HIV-Diagnosen durch Drogeninjektion. 2019 waren es noch 16. Bei den drogenbedingten Todesfällen lag Portugal 2019 bei 6 pro Million Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren, der EU-Durchschnitt bei 23,7. Der Anteil der Häftlinge, die wegen Drogendelikten verurteilt wurden, sank von über 40 auf 15,7 %. Der Konsum ist dabei nicht explodiert, sondern blieb über zwei Jahrzehnte unter dem EU-Durchschnitt. (6)

Wichtig ist dabei ein Punkt, den auch Benecke betont: Portugal hat nicht nur entkriminalisiert, sondern gleichzeitig in Behandlung, Prävention und soziale Hilfen investiert. Welcher Anteil der Erfolge auf die Entkriminalisierung selbst zurückgeht und welcher auf das Gesamtpaket, lässt sich nicht sauber trennen. Mehr Hintergründe findest du in unserem Beitrag zu Portugals Drogenpolitik.

Was Benecke schon früher über Drogenverbote gesagt hat

Ein junger Mann zündet eine Zigarette anNeu ist Beneckes Position nicht. Schon 2021 sagte er im Interview mit Weedo TV, die Drogenpolitik sei „kriminalistisch, wissenschaftlich, aber auch politisch bewiesen sinnlos“. Auch damals stand die organisierte Kriminalität im Mittelpunkt, die mit dem Drogenhandel Milliarden umsetze und jedes Jahr Menschenleben koste. Er verwies darauf, dass selbst der Bund Deutscher Kriminalbeamter in seiner Verbandszeitung titelte, die Prohibition von Drogen sei grundlegend gescheitert. Über Cannabis sagte er: „Im Grunde genommen ist Cannabis schon legal“, weil es über den großen Schwarzmarkt ohnehin leicht zu bekommen sei. (7)

In einem Interview der Reihe „Promis für Legalisierung“ aus dem Jahr 2020 zog er den Vergleich zur US-Alkoholprohibition: Damals sei die Mafia groß geworden, heute profitierten andere Gruppen der organisierten Kriminalität vom Verbot. Eine Legalisierung würde die Gewinne in Steuereinnahmen umlenken und die Polizei entlasten, die heute Zeit mit Konsumierenden statt mit schweren Straftaten verbringe. (8)

Einordnung: Wo Benecke zuspitzt

Beneckes Grundthese ist gut begründet, einige Aussagen im Vortrag sind aber zugespitzt. Er sagt etwa, alle Länder und Regionen, die umgestiegen seien und das Geld in Polizei, Prävention, Sozialarbeit und Drogenhilfe gesteckt hätten, hätten erlebt, dass Diebstähle, Morde und Einbrüche innerhalb weniger Monate deutlich zurückgegangen seien. „Es gibt keine Ausnahme davon“, sagt er. Konkrete Daten dazu zeigt er im Vortrag allerdings nicht, und so eindeutig ist die Studienlage nicht.

Das bekannteste Gegenbeispiel ist Oregon. Der US-Bundesstaat hatte 2020 per Volksabstimmung (Measure 110) den Besitz kleiner Mengen aller Drogen entkriminalisiert. 2024 machte das Parlament den Besitz von Heroin, Kokain, Fentanyl und Methamphetamin wieder strafbar. Befürworter der Rücknahme machten die Reform für mehr Obdachlosigkeit und Todesfälle verantwortlich. Ob diese Entwicklung tatsächlich auf die Entkriminalisierung zurückgeht, ist in den USA bis heute umstritten. Dabei sollte auch in Oregon Geld in Behandlung und Hilfsangebote fließen. In der Praxis bekam, wer mit Drogen erwischt wurde, aber nur einen Strafzettel über 100 Dollar, der entfiel, wenn man eine Hotline anrief. In den ersten 15 Monaten taten das gerade einmal 119 Menschen, und das Geld für Behandlungsangebote kam nur schleppend an. Der Rechnungshof des Bundesstaats bescheinigte dem Programm noch Ende 2025 fehlende Stabilität, schlechte Koordination und keine verlässlichen Daten zur Wirkung. Oregon hat also nur die Strafen gestrichen, ohne rechtzeitig ein Hilfesystem aufzubauen, wie es Portugal von Anfang an hatte. Deshalb taugt Oregon kaum als Gegenbeispiel, sondern bestätigt eher Beneckes Bedingung, dass Entkriminalisierung nur mit Geld für Prävention und Hilfe funktioniert. (9) (10) (11)

Auch beim Beispiel Thailand ist Vorsicht geboten. Benecke beschreibt die Reform von 2022 als volle Entkriminalisierung wie in Portugal. Tatsächlich hatte Thailand damals Cannabis von der Liste der Betäubungsmittel genommen, nicht alle Drogen. Wie es dazu kam, beschreibt unser Beitrag zu Cannabis in Thailand. Im Juni 2025 hat die Regierung den Verkauf ohne Rezept wieder verboten, Hintergrund waren unter anderem Kritik an fehlenden Regeln, Sorgen um den leichten Zugang für Kinder und eine Studie, die mehr Abhängigkeit feststellte. Mit Kriminalität hatte dieser Kurswechsel also wenig zu tun, ein Gegenbeispiel zu Beneckes Kriminalitäts-These ist Thailand daher nicht. (12)

Beide Fälle widerlegen Benecke nicht. Sie zeigen aber, was er selbst betont: Entkriminalisierung wirkt nur zusammen mit Regeln, Kontrolle und einem gut finanzierten Hilfesystem. Einige Zahlen aus dem Vortrag, etwa ein weltweiter Drogenumsatz von 500 Milliarden, konnten wir in den genannten Quellen nicht überprüfen. Wir haben sie deshalb nicht übernommen.

Was bedeutet das für Deutschland?

Die Debatte ist in Deutschland aktueller denn je. 2025 starben laut Bundesdrogenbeauftragtem Hendrik Streeck 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. Fast jeder vierte war jünger als 30 Jahre. Ein wachsendes Problem ist Mischkonsum, etwa mit gefälschten Tabletten, die hochpotente synthetische Opioide enthalten. (13)

Genau dieses Risiko beschreibt Benecke im Vortrag: Wer nicht weiß, was in einer Pille steckt, spielt mit seinem Leben. In mehreren Ländern können Konsumierende ihre Substanzen anonym testen lassen, in Deutschland gibt es solche Angebote bisher nur vereinzelt, etwa in Berlin. Beim Cannabis hat Deutschland mit dem Konsumcannabisgesetz 2024 bereits einen Teilschritt gemacht. Für alle anderen Substanzen gilt weiterhin das Betäubungsmittelgesetz, der Besitz ist strafbar.

Fazit

Mark Benecke vertritt eine klare Position: Drogenverbote schaffen mehr Probleme, als sie lösen. Sie senken den Konsum nicht, machen Substanzen gefährlicher, finanzieren die organisierte Kriminalität und belasten Polizei und Justiz.

Portugal zeigt, dass Entkriminalisierung zusammen mit Hilfe und Prävention funktionieren kann, die Zahlen zu HIV und Drogentoten sprechen für sich. Oregon und Thailand zeigen aber auch, dass eine Lockerung ohne funktionierende Strukturen scheitern kann. Wer sich ein eigenes Bild machen will, sollte sich den Vortrag anhören. Er ist schnell, drastisch und stellenweise zugespitzt, aber voller Argumente, an denen die Drogenpolitik nicht vorbeikommt.

Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und gibt die Positionen von Mark Benecke wieder. Er ist keine Aufforderung zum Konsum illegaler Substanzen. Der Besitz von Betäubungsmitteln außer Cannabis in den erlaubten Mengen ist in Deutschland strafbar. Wenn du Hilfe bei Suchtproblemen suchst, findest du Unterstützung bei Suchtberatungsstellen oder über die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031.

Häufig gestellte Fragen

  • Mark Benecke ist Kriminalbiologe aus Köln und auf forensische Entomologie spezialisiert. Er arbeitete von 1997 bis 1999 in der Rechtsmedizin von New York und ist heute als Sachverständiger und Referent tätig. Drogenpolitisch engagiert er sich als Sprecher von LEAP Deutschland. (2) (3)

  • Laut Benecke senken Drogenverbote den Konsum nicht. Sie stärken den Schwarzmarkt und die organisierte Kriminalität, machen Substanzen durch unbekannte Beimengungen gefährlicher und binden Polizei und Justiz. (1)

  • Portugal hat 2001 den Besitz kleiner Mengen aller Drogen zum Eigengebrauch zur Ordnungswidrigkeit gemacht. Über Maßnahmen entscheiden spezielle Kommissionen, der Handel bleibt strafbar. (5)

  • Die Daten sprechen dafür: Die HIV-Neudiagnosen durch Drogeninjektion sanken von 1.287 im Jahr 2001 auf 16 im Jahr 2019, die Drogentoten lagen 2019 deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Portugal hat dabei aber auch stark in Behandlung und Prävention investiert. (6)

  • Ja. Oregon hat seine Entkriminalisierung von 2020 im Jahr 2024 teilweise zurückgenommen, Thailand hat 2025 den Cannabisverkauf ohne Rezept wieder verboten. Ob die Probleme in Oregon tatsächlich an der Entkriminalisierung lagen, ist allerdings umstritten. In Thailand ging es vor allem um Jugendschutz und Abhängigkeit. (9) (12)

Unterstütze unsere Arbeit und teile diesen Beitrag

Weitere News

Täglich brandaktuelle News, rund um dein Lieblingsthema.

Glossar