Keyfacts zu „der Schwarzmarkt wächst“
- Cannabiskonsum und Straßenpreise sind seit der Teillegalisierung 2024 laut DIW stabil geblieben.
- Die wissenschaftliche Begleitforschung (EKOCAN) sieht bislang eine „sukzessive Verdrängung“ des Schwarzmarkts.
- Deutschland hat bisher nur Säule 1 umgesetzt: Eigenanbau und Cannabis Social Clubs, Fachgeschäfte fehlen.
- Rund 474 Anbauvereinigungen sind genehmigt, aber nach Verbandszählung nehmen aktuell nur etwa 161 davon wirklich neue Mitglieder auf.
- Ein voll regulierter Markt könnte dem Staat laut DICE-Studie jährlich rund 4,7 Milliarden Euro bringen.
Die Deutsche Apotheker Zeitung fragt, ob der Cannabis-Schwarzmarkt seit der Legalisierung wächst, und stützt sich dabei auf Innenminister Dobrindt und BKA-Zahlen: Marihuana-Sicherstellungen haben sich verdreifacht, 567 Cannabisplantagen wurden entdeckt, 55 % mehr als 2024. (1) Klingt eindeutig, ist es aber nicht. Wer mit dieser Zahlenauswahl gleich eine ganze Reform für gescheitert erklärt, betreibt Symbolpolitik statt Faktencheck.
Was die Zahlen wirklich zeigen
Mehr sichergestellte Plantagen heißt nicht automatisch mehr illegaler Handel. Es kann auch bedeuten, dass die Polizei mehr Kapazitäten hat und organisierte Gruppen genau die Lücke besetzen, die eine unvollständige Legalisierung offen lässt. Laut DIW-Wochenbericht ist der Konsum seit 2024 stabil, der Straßenpreis liegt seit Jahren konstant bei rund 10 Euro pro Gramm. (3) Ein wachsender Schwarzmarkt sähe anders aus.
Auch bei den Strafverfahren zeigt sich diese Entlastung: Cannabisbezogene Straftaten sanken 2024 von 173.945 auf 61.670 Fälle, ein Rückgang um etwa zwei Drittel. Das ist vor allem ein statistischer Effekt, weil Besitz kleiner Mengen nicht mehr strafbar ist, aber es zeigt, wie viel Polizei- und Justizkapazität durch die Reform bereits frei geworden ist, Kapazität, die sinnvoller in die Bekämpfung echter organisierter Kriminalität fließen könnte als in Verfahren gegen einzelne Konsumierende. Der zweite Zwischenbericht der Begleitforschung um Suchtforscher Jakob Manthey spricht sogar von einer „sukzessiven Verdrängung des Schwarzmarktes“ durch Eigenanbau, Anbauvereinigungen und medizinisches Cannabis, wobei eine abschließende Bewertung noch aussteht. (4)
Dobrindts „Scheiß-Gesetz“: mehr Wutrede als Analyse
Zu Dobrindts Zahlenauswahl passt auch sein Ton. Im Oktober 2025 nannte der Innenminister das Cannabisgesetz bei einer Pressekonferenz in Wiesbaden ein „richtiges Scheiß-Gesetz, wenn Sie mich fragen“. Eine steile Aussage für ein Gesetz, zu dem es bis heute keine abgeschlossene wissenschaftliche Auswertung gibt, die ein solches Urteil stützen würde. Der Drogenforscher Bernd Werse konterte entsprechend deutlich: Das sei „eine richtige Scheiß-Aussage, weil sie einfach überhaupt keine Hand und Fuß hat“. (8)
Seine Gegenargumente decken sich mit den Daten aus diesem Beitrag: Der Cannabiskonsum unter Jugendlichen sinkt weiter, an diesem langjährigen Trend hat die Reform nichts geändert. Bei Erwachsenen blieb der Effekt gering, die Konsumzahlen setzen lediglich einen leichten Anstieg fort, der schon vor 2024 bestand. Und legaler Zugang hat laut Werse eher Stammkonsumierende vom Schwarzmarkt weggezogen, als dass er den illegalen Handel befeuert hätte. Wer mit deftiger Sprache Stimmung macht, aber keine belastbare Analyse liefert, verwechselt Empörung mit Politik.
Das eigentliche Problem: nur die halbe Legalisierung
Das Cannabisgesetz hat bislang nur eine von zwei geplanten Säulen umgesetzt: Eigenanbau und nicht-gewinnorientierte Anbauvereinigungen. Lizenzierte Fachgeschäfte fehlen bis heute. Das zeigt sich an der Versorgungslage:
- Bundesweit sind mittlerweile rund 474 Cannabis Social Clubs genehmigt, ein deutlicher Sprung gegenüber den 83 aus dem Dezember 2024. (7)
- Genehmigt heißt aber nicht betriebsbereit: Laut Verbandszählung nehmen aktuell nur rund 161 Clubs tatsächlich neue Mitglieder auf, viele stecken noch in Anbau, Ernte oder Qualitätskontrolle. (7)
- Medizinisches Cannabis wird zur Ausweichlösung: Allein im ersten Quartal 2025 wurden mehr Blüten importiert als im gesamten Jahr 2023. (5)
- Einen echten, regulierten Freizeitmarkt mit Qualitätskontrolle gibt es für die meisten Konsumierenden schlicht nicht.
Wenn mehr angebaut und gehandelt wird, liegt das also nicht an der Legalisierung, sondern daran, dass sie nur zur Hälfte umgesetzt wurde. Das ist ein Argument dafür, sie zu Ende zu bringen, nicht sie zurückzudrehen.
Nur ein regulierter Markt drängt den Schwarzmarkt zurück
Solange Cannabis Social Clubs Wartelisten haben und Fachgeschäfte fehlen, bleibt der Dealer von eine oder das Nutzen der Telemedizin, was zumindest auf eine Art legal wäre, die einzigen zwei Option, wenn man nicht selbst anbauen kann oder möchte. Ein regulierter Markt bietet dagegen kontrollierte Qualität ohne Streckmittel, feste Preise und Alterskontrollen, laut Deutschem Hanfverband würden viele Konsumierende dafür lieber Steuern zahlen. (6)
Finanziell wäre das erheblich: Das Düsseldorfer Institut DICE unter Justus Haucap beziffert das Potenzial auf rund 4,7 Milliarden Euro jährlich, davon 1,8 Milliarden Euro Cannabissteuer, 735 Millionen Euro Gewerbe- und Umsatzsteuer, rund 1 Milliarde Euro Einsparungen bei Polizei und Justiz sowie 27.000 neue Arbeitsplätze. (6) Dieses Geld könnte gezielt in Suchtprävention, Jugendschutz und echte Kriminalitätsbekämpfung fließen, statt in Strafverfahren, die laut DIW-Zahlen ohnehin schon um zwei Drittel zurückgegangen sind. Auch regional zeigt sich, wie ungleich der Ausbau bisher läuft: Nordrhein-Westfalen genehmigte bereits 138 Anbauvereinigungen, während Bayern von 47 Anträgen nur 11 durchgewunken hat. (7) Ein bundesweit uneinheitliches Tempo bei den Genehmigungen verlängert genau die Übergangsphase, in der sich der Schwarzmarkt am leichtesten hält.
Was wirklich zählt: Aufklärung statt Verbotsrhetorik
Bei aller Detaildiskussion um Sicherstellungszahlen und Club-Genehmigungen sollte eines nicht untergehen: Der wirksamste Hebel für den Jugendschutz ist kein Verbot, sondern echte Aufklärung und Begleitung. Genau die Drogen, vor denen junge Menschen tatsächlich geschützt werden müssten, entwickeln sich gerade in die falsche Richtung, nur sind es nicht die, über die Dobrindt spricht. Laut DIW-Wochenbericht steigen Kokain- und Methamphetamin-Konsum seit Jahren deutlich, gemessen sowohl über Abwasserdaten als auch über Deliktzahlen, ein Trend, der schon vor der Cannabis-Reform begann und sich kausal nicht mit ihr verknüpfen lässt. (3)
Wer Jugendliche wirklich schützen will, sollte deshalb weniger Energie in Kraftausdrücke über ein vergleichsweise gut erforschtes Cannabisgesetz stecken und mehr in Präventionsarbeit, Suchtberatung an Schulen und ehrliche Aufklärung darüber, warum Kokain und Meth ein weit größeres Risiko darstellen. Genau dafür könnten die Steuereinnahmen aus einem regulierten Cannabismarkt eingesetzt werden: präventiv und zielgerichtet, statt in Empörung, die an der eigentlichen Gefahrenlage vorbeigeht.
Fazit
Die Behauptung, der Schwarzmarkt wachse wegen der Legalisierung, hält der Datenlage nicht stand. Konsum und Preise sind stabil, die Begleitforschung sieht eine schrittweise Verdrängung, und die steigenden Sicherstellungszahlen erklären sich eher durch eine unvollständige Reform. Nur ein wirklich regulierter Markt mit Fachgeschäften kann dem Schwarzmarkt seine Kundschaft dauerhaft entziehen und bringt dem Staat die Milliarden, die er für Prävention und Gesundheit gut gebrauchen könnte.
Wer stattdessen reflexhaft von einem „Scheiß-Gesetz“ spricht, ignoriert genau die Evidenz, die eine ernsthafte Drogenpolitik eigentlich leiten sollte. Disclaimer: Dieser Beitrag dient der politischen und wirtschaftlichen Einordnung der Cannabis-Teillegalisierung und ersetzt keine medizinische Beratung. Fragen zu Konsum, Dosierung oder gesundheitlichen Risiken solltest du mit einer ärztlichen oder pharmazeutischen Fachperson klären.
Häufig gestellte Fragen
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Nein, das legt die aktuelle Datenlage nicht nahe. Der Cannabiskonsum und der Straßenpreis sind laut DIW-Wochenbericht seit der Reform 2024 stabil geblieben, und die wissenschaftliche Begleitforschung (EKOCAN-Projekt) beobachtet eine schrittweise Verdrängung des Schwarzmarktes durch legale Quellen wie Eigenanbau, Cannabis Social Clubs und medizinisches Cannabis.
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Das BKA meldet gestiegene Sicherstellungszahlen: Marihuana-Sicherstellungen haben sich verdreifacht, und es wurden 567 Cannabisplantagen entdeckt, 55 % mehr als 2024. Innenminister Dobrindt liest daraus einen wachsenden Schwarzmarkt heraus. Mehr Sicherstellungen lassen sich aber auch durch mehr Polizeikapazitäten und eine unvollständige Legalisierung erklären, nicht zwingend durch echtes Marktwachstum.
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Weil Deutschland bislang nur die erste von zwei geplanten Säulen der Legalisierung umgesetzt hat: Eigenanbau und nicht-gewinnorientierte Anbauvereinigungen. Rund 474 Clubs sind zwar genehmigt, aber nur etwa 161 nehmen aktuell wirklich Mitglieder auf, und lizenzierte Fachgeschäfte fehlen weiterhin komplett.
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Weil sich die eigentliche Gefahr gerade woanders entwickelt: Laut DIW-Wochenbericht steigen Kokain- und Methamphetamin-Konsum seit Jahren deutlich, ein Trend, der schon vor der Cannabis-Reform begann. (3) Selbst Drogenforscher Bernd Werse, der Dobrindts Cannabis-Kritik scharf widerspricht, räumt ein, dass der Innenminister bei Kokain einen berechtigten Punkt haben könnte. (8) Wer Jugendliche wirklich schützen will, sollte deshalb Aufklärung und Prävention auf die tatsächlich wachsenden Risiken richten, statt Energie in Symbolpolitik gegen ein vergleichsweise gut erforschtes Cannabisgesetz zu stecken.
Quellen und Studien ansehen
- Deutsche Apotheker Zeitung: Wächst der Cannabis-Schwarzmarkt seit der Legalisierung?
- Recht & Politik: BKA - Rauschgifthandel bleibt wichtigstes Geschäftsfeld Organisierter Kriminalität
- DIW Berlin: Cannabiskonsum nach Teillegalisierung stabil, Kokain nimmt seit Jahren zu
- ZDFheute: Studie - Cannabis-Schwarzmarkt wird langsam zurückgedrängt
- taz: Schwarzmarkt nach Cannabis-Legalisierung
- Tagesspiegel: Studie rechnet mit Steuermehreinnahmen durch Cannabis-Legalisierung
- Hanfjournal: 474 Cannabis-Clubs genehmigt, Deutschland vor der 500er-Marke
- ZDFheute: Cannabis-Gesetz Dobrindt, Drogenexperte Werse
